In seiner über tausendjähriger Geschichte war Danzig Zeuge weltgeschichteverändernder Ereignisse. Hier wurde am 01. September 1939 der 2. Weltkrieg begonnen, der das Antlitz der damaligen Welt verändert hatte. Gleichzeitig ist Danzig die Wiege der "Solidarność" Bewegung, die das Ende des Kommunismus einläutete. 

Hans Memlings

Hans Memlings "Jüngstes Gericht"

      Das kostbarste, aber auch eines der interessantesten Kunstwerke in der Danziger Museumssammlung ist ohne Zweifel das Triptychon Jüngstes Gericht von Hans Memling, das im Nationalmuseum in Danzig besichtigt werden kann. Dieses Gemälde ist nicht nur sehr schön, sondern birgt viele Andeutungen und hat seine eigene Geschichte, die mit der Vergangenheit zur See, dem berühmtesten Danziger Schiff und dem berühmtesten Danziger Seemann in Verbindung steht.

Das Gemälde wurde Ende des 15. Jahrhunderts bei einem der am meisten geschätzten Künstler seiner Zeit, dem in Brügge (heutiges Belgien) lebenden Hans Memling in Auftrag gegeben, es sollte einen Altar in einer der Kirchen in Florenz schmücken. Als der Künstler sein Werk beendete, wurde das Gemälde zusammen mit vielen wertvollen Waren auf ein Schiff geladen und auf den Wasserweg um Europa herum nach Italien geschickt. Auf dieser Reise sollte das Schiff in London halt machen, wohin es auch der Schiffskapitän lenkte. Es herrschte gerade Krieg zwischen der Hanse und England, der vor allem in den Gewässern um den Ärmelkanal geführt wurde. Danzig nahm an diesem Krieg aktiv teil und seine Schiffe waren ein wahrer Schrecken für die Engländer. Einer der Danziger Seemänner, der im gesamten damaligen Europa berühmt berüchtigte Seemann Paul Beneke kaperte an der Themsemündung das Schiff mit der wertvollen Ladung mit dem von ihm gesteuerten Kraweel "Peter von Danzig", als er davon hörte, dass es England verlassen hatte. Das Gefecht war heftig und ein um das andere Mal schien abwechselnd die eine und die andere Schiffsmannschaft die Oberhand zu gewinnen bis schließlich der Danziger Schiffskapitän den Sieg davontrug. Die Beute war außergewöhnlich. Nach dem Verkauf der Beute und der Auszahlung der Mannschaftsanteile kam der siegreiche Kapitän nach Danzig zurück. Einer der Schiffsanteileigner überließ das zwar kostbare aber auch heikle Triptychon der Marienkirche und so landete das Gemälde, das sich auf dem Weg nach Florenz befand, in Danzig. Über Jahrhunderte hinweg schmückte es die prachtvollen Innenräume der Marienkirche und erinnerte an die große Geschichte der stolzen Stadt und die wagemutigen Leistungen ihrer Seeleute auf den Meeren.

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Das Triptychon stellt auf eine besonders plastische Weise die Szenen des Jüngsten Gerichts dar. Die Aufnahme der Glückseligen ins himmlische Paradies und die Höllenfahrt der Verdammten.

Die Fahrt von Brügge nach Italien, die in Danzig endete, war nicht die einzige Odyssee des Triptychons. Anfang des 19. Jh. wurde es durch die Franzosen gestohlen und nach Louvre gebracht, später haben es die Danziger in den Westen des Deutschen Reiches evakuiert, bis es dann doch in die Hände der Roten Armee fiel und über eine längere Zeit die Kunstsammlung von St.Petersburg bereicherte, wovon einst der Zar Peter I. träumte, nachdem er es nicht geschafft hatte, Danzig dazu zu zwingen, ihm das Triptychon auszuhändigen. Als es zurückkehrte, kam es nicht in die zerstörte Marienkirche ein, sondern wurde dem einstigen Westpreußischen Provinzial- Museum, dem heutigen Nationalmuseum in Danzig übergeben.

Die Geschichte des Gemäldes und der mit ihm verbundenen Menschen könnten genug Stoff für einen Abenteuerfilm geben. Das Gemälde selbst, voller Inhalte und Bedeutungen, regt an zur Reflexion über das menschliche Schicksal und zur Bewunderung. Es laesst sich jedoch nicht beschreiben - man muss es selbst gesehen haben! In der Marienkirche kann seine Kopie besichtigt werden, aber was ist schon eine Kopie gegenüber dem Original? Deswegen sollte man sich in das Nationalmuseum in Danzig begeben, wobei neben der Besichtigung des Triptychons von Memling man auch die Geschichte der Danziger Kunst kennenlernen kann.

Übers. EuroInterpret - D. Moser