Akkordeon hat viele Namen

Akkordeon hat viele Namen

Falte, Heizkörper, Ferkel, Scham – viele Namen, ein Instrument. Lange Jahre verband man ihn vor allem mit der Warschauer Folklore, den Straßenballaden und einer zwielichtigen Gesellschaft. Inzwischen ist er wieder Salonfähig geworden, dank junger Akkordeonspieler und Fernsehsendungen, in denen man nach jungen Talenten sucht. Für viele ist er ein unverzichtbares Element bei jeder gemütlichen Tafelrunde, doch immer öfter gastiert er auch in den berühmtesten Konzertsälen. In der Region Pomorskie hört man ihn schon seit Jahren.

Ein bisschen Geschichte...
Die ersten noch einfachen Akkordeons sah man in Europa im XIX Jhd., jedoch ihre Wurzeln reichen bis in die hohen Berge Tibets, wo man bereits vor mehreren hundert Jahren auf einem Instrument namens Sheng, nach dem Prinzip der durchschlagenden Zunge, spielte. Der Weg, auf dem der Urgroßvater des Akkordeon auf das alte Kontinent kam, sorgt unter den  Musikhistorikern für Unklarheiten und Streitgespräche. Fest steht dagegen, dass die ersten Experimente mit dem Sheng-Spielmechanismus von dem deutschen Arzt, Physiker und Konstrukteur Christian Gottlieb Kratzenstein und dem Ingenieur Franz Kirsnik durchgeführt wurden.

In der uns heute bekannten Form konstruierte und patentierte ihn im Jahre 1829 der Wiener Orgelbauer Cyrill Demian. Seitdem eroberte die „Falte“ die europäischen Salons und gewann immer mehr Fans auch in Polen. Und obwohl man zu Beginn des XX Jhd. Akkordeons vor allem in Warschau baute, war beliebt und bekannt im ganzen Land – von den verschneiten Hügeln der Hohen Tatra bis zu den goldenen Stränden der Ostsee. 

In den 20er Jahren, zusammen mit der Migration der Landbevölkerung in die Städte, eroberte das „Ferkel” Schritt für Schritt alle Familienfeier und öffentliche Tanzveranstaltungen. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Radio, das die Musik aus bekannten Cafés und Restaurants sendete, aber auch… die Arbeitslosigkeit. Berufsmusiker konnten von klassischer Musik alleine nicht leben, verließen ihre Spielstätten und griffen zum „Heizkörper”. Mit der Zeit erkannte man seine Vorzüge, u.a. als Begleitinstrument bei Chorauftritten. Von hier aus war der Weg des Akkordeons in die Musikschulen nicht mehr weit.

Kaschubische Melodien und Noten aus Kociewie
Von da an wurde Akkordeon immer beliebter auch in unserer Region. Wie sehr die Kaschuben und Kociewianer das Instrument zu lieben gelernt haben, kann man sich zu jeder Jahreszeit beim Besuch der Dörfer, Ständchen und Städte der Region Pomorskie überzeugen.  Ob auf großen Festen, gemütlichen Feierlichkeiten, beim Picknick im Freien oder in einer Philharmonie – überall kann man den besonderen Klang des Akkordeons hören. 

Im Jahre 2014 am Tag der Einheit der Kaschuben in Sierakowice wurde der Polnische Rekord im gleichzeitigen Akkordeonspielen erreicht, bei dem auf einer Bühne insgesamt 314 Akkordeonspieler musizierten. Bis heute wurde dieser Rekord nicht geschlagen!

Akkordeon…

…zum Hören

Internationales Akkordeonfestival in Sulęczyno – der Urheber und Artdirektor des Festivals ist der Akkordeonspieler Paweł Nowak. Gemeinsam mit Ireneusz Korda, dem Leiter des Gemeindekulturzentrums in Sulęczyno,  veranstalte sie es seit 2003.. Anfangs war dieses Event ziemlich überschaubar, jedoch bereits im dritten Jahr erreichte es den internationalen Rang. Bis jetzt gastierten hier Musiker aus Deutschland, Schweden, Frankreich, Belgien, Litauen, Weißrussland, der Ukraine, Moldau und Mazedonien.

…zum Anschauen

Akkordeon-Museum in Kościerzyna (Berent) – Es ist das Einzige Museum in Polen und eines von drei in Europa, das diesem Instrument gewidmet ist. Die in Berent ausgestellten Instrumente stammen aus der Sammlung von Paweł Nowak. Es sind 117 Instrumente aus der ganzen Welt, darunter auch aus Polen, sowohl aus der Vorkriegszeit als auch die, die nach dem Krieg in der berühmten Bromberger Akkordeonfabrik hergestellt wurden. Beachtenswert sind die Instrumente aus Frankreich – handgemacht, reichverziert und mit einem untypischen Klang, wovon man sich „mit eigenen Ohren” dank des Audioguides überzeugen kann.


Fot. Das Akkordeon-Museum in Koscierzyna