Gdynia /Gdingen/ eine Stadt, die aus der See und den Träumen der Vorkriegsgeneration der Polen hervorgegangen ist,  wie es der polnische Schriftsteller aus dieser Zeit, Stefan Żeromski, zu sagen vermochte: „… ein Meisterstück, das in Holz, Stein, Beton und Eisen geschaffen wurde – dieses übermächtige Drama, das zu zeigen vermag, wie dem Meer sein Wasser, Kraft, Tiefe und Macht entrissen wird…“. Heute stellt es eine moderne und sich dynamisch entwickelnde Stadt mit einer modernen Architektur und ihrer zur See hin ausgerichteten Wirtschaft dar.

tłum. EuroInterpret-D. Moser

Das modernistische Gdingen. Wie die Stadt aus Meer und Träumen gebaut wurde.

Die einzige solche Stadt in Polen, in Europa, gar in der Welt. Gdingen. Obwohl sie noch keine 100 Jahre alt und somit noch nicht volljährig, ist sie eine prächtig funktionierende Stadt. Die Einzigartigkeit Gdingens basiert auf folgenden Aspekten: es wurde zum bestimmten Zweck gebaut, in einem strikte vorgeschriebenen Baustil und eingezogen sind hier außergewöhnliche Menschen. Gdingen ist weltoffen, modernistisch und bis heute ein Vorzeigebeispiel der Moderne.

Die Modernismus-Route Gdingens ermöglicht eine Ansicht der Stadt aus der Architekturperspektive. Es führt uns durch Gdingen Arkadiusz Brzeczek, ein leidenschaftlicher Fan der Stadt. Er selbst bezeichnet Gdingen als Essenz seines Lebens. Während seiner Stadtführungen und Präsentationen bringt er den Besuchern die Schönheit und die Einzigartigkeit der Stadt nah und öffnet während des Open House Gdynia Festivals, das er mit organisiert, viele für den Besucher sonst geschlossene Räume. Er präsentiert die Stadt von der Zeit an als sie noch ein Dorf war, später ein Badeort und letztendlich in der Zeit der Moderne bis zur Gegenwart. Er ist Autor des Buches „Geheimnisse der Häuser Gdingens“ und bekam den Preis des Marschalls der Woiwodschaft Pomorskie „Persönlichkeit des Jahres“.

 

Pomorskie.travel: Gdingen erhielt die Stadtrechte im Jahre 1926. Es ist eine junge Stadt, die sich mit einem unglaublichen Schwung und einer bewundernswerten Dynamik entwickelte. Weil sie im 20. Jahrhundert gegründet wurde, ist die Bebauung hier ziemlich einzigartig

Arkadiusz Brzęczek: Das Gdingen der Zwischenkriegszeit ist seit 1926 untrennbar mit dem Stil und der Idee des Modernismus verbunden, weil es sich in der gleichen Zeit wie er entwickelte. Zwischen den Zwanziger und Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich aus einem kleinen Badedorf mit 1200 Einwohnern der drittgrößte Hafen an der Ostsee, in den Menschen aus ganz Polen auf der Suche nach der Arbeit kamen. Die schnelle Entwicklung, der Kultstatus  der Modernität und die praktische Betrachtungsweise der hiesigen Problematik des Ortes, in dem man auch wohnt, begünstigten die Umsetzung der Idee des Modernismus. Durch all diese Aspekte sind damals in den weniger Jahren insgesamt 120.000 Menschen nach Gdingen gezogen, wodurch die Einwohnerzahl um imponierende 10.000 % gestiegen war.

Fot. P. Kozłowski

Pomorskie.travel: In einer so dicht besiedelten Stadt entstand auch eine spezifische Architektur. Wie ist der Modernismus hier? Worin besteht sein besonderer Charakter?

Arkadiusz Brzęczek: Typisch für den Modernismus hier ist seine Vielfalt. Das geht so weit, dass es fast unmöglich ist, die Bauetappen genau zu datieren. Die erste Phase war eng mit Art Deco verbunden. Die zweite war extrem avantgardistisch, wurde oft als kubischer Funktionalismus bezeichnet und spiegelte sich in hellen, kubischen Formen wieder. Die dritte Etappe milderte die Avantgarde etwas ab und vermischte sie mit Streamline, d.h. abgerundete Formen mit etwas Luxus. Und letztendlich die vierte Phase mit der Lightvariante des Modernismus, für den klassische, vertikale Formen und das Monumentale typisch waren. Am besten sind sie in den Publikationen von Maria Jolanta Soltysik beschrieben.

Pomorskie.Travel: Beim Spaziergang durch die Stadt, um die hiesige Moderne kennenzulernen, welche Gebäude sollten wir in erster Linie beachten und warum?

Arkadiusz Brzęczek: Wenn es um die Architektur geht, die von Art Deko inspiriert wurde, so ist das Gebäude des Meeresamtes in der Chrzanowskiego Str.10A ein gutes Beispiel dafür. Wenn es um die Innenarchitektur geht, sollte man sich die repräsentativen Räume der Polnischen Bank in der 10 Lutego Str.20/22  ansehen.

BGK Housing Estate at 3 Maja 27/31 Street, fot. pomorskie.travel

Der extreme Funktionalismus begann dagegen im Gdinger Hafen. Das erste private Industriewerk, die Reismühle, begeistert seit 90 Jahren mit der Schlichtheit ihrer Außenwände, mit Streifen aus rotem Backstein, die von Fenstern auf hell verputzen Bahnen abwechselnd durchschnitten werden. Wenn wir jemandem die Ikonen der Luxusströmung der Moderne der Dreißiger Jahre zeigen wollen, dann bietet sich hervorragend der Büro- und Wohnkomplex ZUPU mit seiner zylinderförmigen Ecke, der 1934 von dem Warschauer Architekten Roman Piotrowski entworfen und an der Ecke der  10 Lutego Str. 24 und der 3 Maja Str. 22/24 gebaut wurde. Noch perfekter bediente sich der Symbolik aus dem Schiffsbau der berühmte Architekt Stanislaw Ziolowski, der an seinem BGK-Wohngebäude in der 3Maja Str.27/31, über dem Einfahrtstor einen quasi zylindrischen Turm mit einem Flaggenmast platzierte. Unter dem damals größten Wohnhaus der Stadt befanden sich auch die ersten Tiefgaragen Polens. Die Schönheit des gemäßigten Modernismus sieht man auch  in der Gestaltung des Büro- und Wohnkomplexes der Firma „Paged“ in der Swietojanska Str. 44, der von Jan Bochniak entworfen wurde. Auch der Ausbau des damaligen Regierungskommissariats (heute Stadtverwaltung), besonders sein neuer Flügel an der Pilsudski Allee, nach den Entwürfen von Jerzy Müller und Stefan Reychman, ist mit seiner vertikalen Aufteilung in der Plastik ein deutliches Beispiel der damals neuen Stilrichtung des Monumentalismus.

Office building of the company "Paged" at Świętojańska 44 Street, fot. P. Kozłowski

Pomorskie.travel: Es gibt viele Orte entlang der Modernismus-Route, die sehenswert sind. Wenn Sie uns jetzt aber einem Ausflug auf den Spuren des Modernismus, jedoch außerhalb der  Hauptroute vorschlagen sollten, wo würden wir dann hingehen?

Arkadiusz Brzęczek: Wenn ich eine Alternativroute außerhalb der Hauptroute des Modernismus vorschlagen sollte, würde ich die Hauptstraßen verlassen und beispielsweise das Eckhaus an der Abrahama Str. 28 aus dem Jahre 1935, nach dem Entwurf von Eduard Furschmied zeigen. Es besitzt ein erhaltenes, luxuriöses Treppenhaus und Wohnungen, in denen man an den Ecken Wintergärten platzierte-die ersten in Gdingen.

Danach würde ich den Büro-und Wohnkomplex der Firma „Bananas“ in der damaligen Kwiatkowski Straße 24 vorschlagen, der von Eliza und Osswald Unger entworfen und gebaut wurde. Es zeichnen ihn kubische Formen aus, gebaut im Stil des späteren Funktionalismus verbunden mit der Luxusströmung. Im Hinterhof verfügte die Anlage über die einzige in der Innenstadt professionelle Reifekammer, die 35 t Bananen einmalig aufnehmen konnte.              

The interior of the house  at Abrahama 28 Street, fot. P. Kozłowski

Letztendlich würde ich noch das luxuriöse Mietshaus in der Wybickiego Str.3 vorschlagen, das für Jadwiga Bemowa gebaut wurde und in dessen Erdgeschoss sich die Herren (im edlen Lokal namens „Mascotte“) vergnügen konnten.

Diese drei besonderen Gebäude, neben ihren architektonischen Vorzügen, verbindet auch noch die Tatsache, dass ihre Architekten, Eigentümer, Erbauer und in den meisten Fällen auch Bewohner, reiche Gdinger Juden waren.    
 

Pomorskie.travel : Im Jahre 2015 wurde der historische Stadtkern als Denkmal der Geschichte anerkannt. Was bedeutet es für die Stadt?

Arkadiusz Brzęczek: Die Anerkennung des städtebauliches Layout der Innenstadt, die überwiegend modernistisch ist, als Denkmal der Geschichte bringt der Stadt Prestige und ist ein Grund stolz zu sein. Der damalige Präsident der Republik Polen, Bronislaw Komorowski, verlieh diese Auszeichnung  60 Baudenkmälern. Gleichzeitig ist Gdingen das jüngste Denkmal der Geschichte in Polen,  aber mit seinen 88 ha Fläche auch das größte. Die insgesamt 450 Gebäude in der Innenstadt zeigen die Stilveränderungen unserer jungen Stadt und gleichzeitig ihre modernistische Tradition. Die östliche Grenze dieses Denkmals der Geschichte verläuft an  der Wand des Hauses (von 1931) in der Marschall Pilsudski Allee 50 entlang, die rein zufällig auch die Wand meiner Wohnung und meines Zimmers ist, in dem ich die meisten Texte über Gdingen geschrieben habe.

Building at Świętojańska 28 Street, fot. P. Kozłowski